
Ford Mustang Dark Horse: Der Rowdy lässt grüssen
Die Modellvielfalt bei Ford war in Europa grösser als auch schon, doch die Ikone Mustang hat es erneut über den grossen Teich geschafft und wird hierzulande angeboten. Zwar ist das Pony Car nicht mehr das Schnäppchen von einst, doch ansonsten sind viele Dinge gleichgeblieben – und Stillstand ist beim Mustang durchaus positiv zu werten. Optisch spielt der Mustang seine ganze Stärke aus. Ford kombiniert klassische Anleihen mit einer gehörigen Portion Härte, ohne dabei in Retro-Kitsch abzurutschen. Besonders die Front wirkt brachial: breit, niedrig und mit einer Motorhaube, die sich gefühlt bis zum Horizont erstreckt. Dahinter wird die Formgebung überraschend elegant, während das Heck die charakteristischen vertikalen Dreifach-Leuchten zeitgemäss interpretiert. Vier riesige Auspuffendrohre setzen schliesslich einen ziemlich unmissverständlichen Schlusspunkt. Beim Dark Horse kommt dazu die exklusive Farbe Blue Ember. Im Schatten fast unscheinbar, entwickelt der Lack im direkten Sonnenlicht einen intensiven Smaragd-Schimmer. Eine bemerkenswert edle Kombination, die man ohne Weiteres auch einem Bentley zutrauen könnte.

Luftig, aber mit viel Plastik
Beim Einsteigen folgt allerdings die Ernüchterung. Der Innenraum vermittelt weniger den Eindruck einer komplett neuen Generation als vielmehr einer umfangreichen Modellpflege. Zahlreiche Details wurden übernommen oder nur minimal verändert, darunter Sitze, Schalter und der Wählhebel. Das neue Cockpit mit seinen grossen Bildschirmen sieht zwar modern aus, wirkt bei der Darstellung aber nicht immer konsequent durchdacht. Auch das Infotainment selbst gehört nicht zur Spitzengruppe, weder bei der Darstellung noch beim Tempo. Eine Ausnahme bildet die Sprachsteuerung, die zuverlässig und erstaunlich treffsicher arbeitet. Dafür bleibt der Mustang seinem amerikanischen Charakter bei den Platzverhältnissen treu. Vorne gibt es reichlich Bewegungsfreiheit, und selbst hinten können Erwachsene zumindest einigermassen vernünftig sitzen. Weniger überzeugend präsentiert sich die Material- und Verarbeitungsqualität. Gerade bei einem Modell mit der Bedeutung und Historie des Mustang dürfte Ford mehr Sorgfalt an den Tag legen. Hinzu kommt, dass der Mustang längst nicht mehr als besonders günstige Alternative durchgeht. Der bekannte Vorwurf vom «Plastikbomber» ist deshalb noch immer nicht vollständig aus der Welt.

V8 as it’s best
Schon beim Start lässt der Mustang keinen Zweifel an seiner Antriebstechnik: Unter der Haube arbeitet weiterhin der 5,0-Liter-V8-Sauger namens Coyote. Die Ecoboost-Variante ist in Europa Geschichte, und das ist angesichts des Charakters dieses Autos durchaus zu verschmerzen. Die Klappenabgasanlage brüllt im Track-Modus derart ungefiltert los, dass man sich unweigerlich fragt, wie das noch durch die europäische Homologation gekommen ist. Die US-Version legt zwar nochmals eine Schippe drauf, doch auch der hiesige Mustang klingt fast wie aus einer automobilen Epoche vor Euro 6. Was trotz Grummel-Motor weiterhin hervorragend funktioniert: Cruisen. Die gewaltige Motorhaube dominiert das Sichtfeld, während B&O-Anlage und Auspuffanlage akustisch um die Aufmerksamkeit konkurrieren. Die bequemen Sitze sind beheiz- und belüftbar, optional sind auch Recaro-Schalensitze ohne Komfortfeatures erhältlich. Die ebenfalls optionale 10-Gang-Automatik wechselt beim Cruisen unauffällig durch ihre vielen Gänge, bewirkt verbrauchstechnisch aber keine Wunder.
Seinen eigentlichen Charakter zeigt der Dark Horse erst, wenn man ihn fordert. Oberhalb von 4000 U/min erwacht der V8 endgültig zum Leben und schickt seine Kraft mit Nachdruck an die Hinterräder. Auf kurvigen Strecken wird daraus ein durchaus anspruchsvoller Ritt. Die Brembo-Bremsen überzeugen dabei mit kräftiger und konstanter Verzögerung, während Lenkung und Fahrwerk weniger präzise wirken. Die Lenkung könnte direkter sein und selbst im Sport-Modus lässt das Magne-Ride-Fahrwerk spürbare Wank- und Nickbewegungen zu. Doch genau hier liegt die Überraschung: Der Mustang kann deutlich schneller durch Kurven, als seine ausladende Karosserie vermuten lässt. Das Gripniveau ist hoch, entscheidend wird die saubere Linie. Besonders am Kurvenausgang ist jedoch Vorsicht mit dem Gas geboten, denn selbst mit aktiviertem ESP kann das Heck leicht ausbrechen. Bei Nässe verstärkt sich dieser Effekt deutlich.
Im Race-Modus hält sich die Elektronik wesentlich stärker zurück. Damit lässt sich das enorme Potenzial des Mustang besser ausloten, gleichzeitig wird der schmale Grenzbereich unübersehbar. Ein bisschen zu früh am Gas, etwas zu viel Lenkwinkel oder ein unerwartet rutschiger Asphalt können aus einem kontrollierten Slide schnell einen echten Heckausbruch machen. Das ESP greift dann erst sehr spät ein. Auf der Rennstrecke mag das seinen Reiz haben, auf öffentlichen Strassen ist diese Einstellung deshalb aber mit maximaler Konzentration zu erleben.

Ein Haudegen mit Ecken und Kanten
Der Mustang war noch nie das Skalpell unter den Sportwagen. Genau deshalb ist der Dark Horse eine Bereicherung für die heutige Autowelt. Er wirkt wie ein bewusst gesetztes Gegenstück zu einer Mobilität, die immer effizienter, leiser und gefälliger werden will: gross, laut, schwer, durstig und mit einem Grenzbereich, der definitiv nicht für Anfänger oder Möchtegern-Rennfahrer gedacht ist. Während viele Neuauflagen glattgebügelt wirken, künstlich Sound erzeugen oder gleich elektrifiziert werden, fühlt sich der Mustang fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit an. CO₂? Offensichtlich nicht seine Kernkompetenz. Sound? Grenzwertig laut. Dafür lebt dieses Auto. Es besitzt Charakter, vermittelt bei jeder Fahrt Emotionen und macht selbst kurze Strecken zum Erlebnis. Der Mustang ist auch 2025 eine Ikone, die sich bemerkenswert treu geblieben ist.
Wer ihn beherrscht, kann schnell unterwegs sein und dürfte dabei kaum das Grinsen aus dem Gesicht bekommen. Wer seine Eigenheiten nicht im Griff hat, sollte dagegen Abstand halten. Dazu kommt, dass der Mustang seinen früheren Schnäppchenstatus inzwischen abgelegt hat: 80’800 Franken als Dark Horse sind eine Ansage. Im Vergleich zu manchen deutlich teureren, aber emotional sterilen Alternativen bleibt er dennoch interessant. Wer sich für ihn entscheidet, sollte allerdings zum manuellen Getriebe greifen. Sechs Gänge selbst zu sortieren, passt schlicht besser zu diesem Auto, als zehn Übersetzungen von der Automatik serviert zu bekommen, und macht das Erlebnis nochmals intensiver.


















